Wednesday, February 10, 2010

Freie Gedanken zur Freien Pistole

English version you can find here.

Urheber: Hannes Rainer
Quelle: ISSF NEWS Ausgabe 1/2003. Seitenr. 44.

Dieser dritte, abschliessende Artikel umfasst genaueres über die in Teil II angeführten Vorteile der Freipistole TOZ – seitlicher Abzug und bewegungslose Schussauslosung.

Prinzipiell kann man sagen, dass in Schützen- und Waffenzeitschriften immer wieder Beschreibungen der TOZ zu finden sind, eine genaue Beschäftigung mit diesen Grundlagen fehlt aber – oder?
Weitgehend unbekannt, da kaum erklärt, ist schon die Bedeutung des Namens TOZ. Es ist nichts anderes als die Abkürzung von Tulskij Oruzhejny Zawod (Waffenfabrik Tula; diese Stadt liegt etwa 150 km südlich von Moskau).
Auf der Original-Gebrauchsanweisung, Waffenbegleitkarte genannt, erkennt man, dass der eigentliche Name TOZ-35 M lautet. Das kurze Stichwort TOZ hat sich unter den Schützen international durchgesetzt, da keine andere Sportwaffe dieser Firma in Verwendung steht.
Das Folgende soll als Erweiterung und Hilfe zur Gebrauchsanweisung dienen, aber auch die Neugier über die geheimnisvollen Grundlagen des seit 4 Jahrzehnten anhaltenden Erfolges dieser Freien erfüllen. Das für die Schützen in der Praxis erkennbare Auftreten der TOZ-Vorteile ist in Teil II geschildert -man muss nicht genau nach hinten in Schussrichtung abziehen, sondern kann die Abzugszunge (Züngel) auch seitlich, zur Seite, betätigen; besonders beim Trockenschuss ohne Patrone erkennt man, dass der Mechanismus von Abzug und Verschluss die gesamte Freie und damit die Hand des Schützen kaum erschüttert und bewegt. Jetzt wollen wir herausfinden, wie das funktioniert; die TOZ wird zerlegt.

Das erste Geheimnis

Die Möglichkeiten des seitlichen Abzuges muss man vorerst einschränken. Den Abzug zur Seite - links oder rechts, beliebiger Winkel - zu ziehen, ist nur beim unbeschränkten Abzugsgewicht der Freipistolen sinnvoll, in der Regel 10g bis 100g. Beim vorgeschriebenen Abzugsgewicht der übrigen Pistolen von 500g bis 1360g, aber auch beim sekundenschnellen Abziehen der Schnellfeuerpistole mit unbeschränktem Abzugsgewicht würde man die gesamte Sportwaffe zur Seite reißen. Die Nummern aller hier beschriebenen Teile sind die in der Original-Gebrauchsanweisung; die Bezeichnung mancher Teile ist geändert und entspricht damit den übersetzten Sprachen besser. Beide Vorteile der TOZ enthält das Abzugsgehäuse 33, bestehend aus insgesamt 34 Teilen inklusive Schrauben, Achsen, Federn neben den eigentlichen, beweglichen Teilen.
Jeder mechanische Abzug dreht sich um eine waagrechte Achse, die im Idealfall genau über der Abzugszunge angeordnet sein soll - bei der Achse vorne über der Zunge drückt der Abzugsfinger etwas nach oben, bei der Achse hinten über der Zunge drückt er etwas nach unten; beides ein Nachteil. Diese waagrechte Achse ist bei gewohnten Sportwaffen fix im Gehäuse, im Winkel von 90 Grad zur Schussrichtung gelagert und gibt die Bewegung der Abzugszunge über Zwischenteile bis zum Schlagbolzen weiter. Bei drehbarer Lage der Achse wäre der Kontakt der Abzugszunge mit dem nächsten Zwischenteil unsicher, da die Stelle der Zunge, die es berühren soll, je nach Winkel des gedrehten Abzuges zur Seite wandert und den Kontakt verliert. Beim Abzug der TOZ ist dieses problematische Zwischenteil, der Hebel 11, aber 10 mm breit und übernimmt den Schlag des Abzuges, hier Drehmuffe 20, auch noch, wenn diese um 45 Grad zur Seite gedreht ist. Die Fixierung der geänderten Position der Abzugszunge 42 - drehen und auch bis zu 15 mm vor oder zurück schieben - geschieht durch das Gleitstück 16, wegen der Form auch Hufeisen genannt.
Ein weiterer Vorteil dieser Funktion ist darin zu sehen, dass der Drehpunkt der Abzugszunge direkt über ihr bleibt, egal ob sie vorne oder hinten positioniert wird. Ein unbe-wusster Fehler als Folge von sonst erforderlichem, geringem Drücken nach oben oder unten ist hier auszuschließen. Will der Schütze aber unbedingt, zum Beispiel wegen der Form des Griffstückes oder wegen der Fingerlänge, leicht nach oben oder unten abziehen, verwendet er eine anders geformte Abzugszunge - aus Aluminium einfach zu basteln.
Weiters ist darauf zu achten, dass 2 Möglichkeiten der seitlichen Drehung bestehen, deren Winkel sich nicht widersprechen sollen. Wenn der Abzug zur Seite zu ziehen ist, die Zunge aber so in die Gegenrichtung gedreht ist, dass es so aussieht, als wäre sie gerade nach hinten zu ziehen, wird die Haut des Abzugsfingers beim Schuß etwas zur Seite gedrückt und die TOZ als unbewusster Ausgleich in die Gegenrichtung gerissen.
Wie geht es weiter? Die Übergabe der Schussauslösung vom Abzugfinger bis zuletzt zum Schlagbolzen erfolgt bis jetzt über Zunge 42, Abzugsnadel 19 und Drehmuffe 20 - diese 3 Teile miteinander verbunden - bis zum Hebel 11, alles mit minimaler Federkraft. Dass das Gleitstück 16 hier nicht angeführt ist, hat den Grund, dass es nur der Verstellung der Zunge dient, beim Schuß aber keine Bewegung ausführt. Die Abzugskraft 10g bis 100g des Abzugsfingers muss bis zum Schlagbolzen auf die vielfache Kraft der Schlagbolzenfeder verstärkt werden. Das ist technisch kein Problem und tritt bei der Mehrzahl der international verwendeten Freipistolen so zum Vorschein, dass möglichst wenige Zwischenteile die Verbindung herstellen und die Federkraft mit Hebelwirkung auf das nötige Maß erhöhen. Diese wenigen und daher relativ großen, schweren Teile erschüttern die gesamte Freie und weisen damit auf den zweiten Vorteil der TOZ hin, die kaum spürbare Erschütterung.

Figure 1
Abbildung 1
Die Drehmuffe 20, mit gleichem Drehpunkt (Pfeil links) wie die Abzugszunge 42 (darunter), drückt den Hebel 11 (auf den ersten 3 Fotos nicht dabei) nach oben (Pfeil rechts). Auf allen Bildern Schussrichtung nach links.
Figure 2
Abbildung 2
Die gleiche Stelle von oben gesehen. Die Drehmuffe 20 ist leicht gedreht, der Schütze zieht den Abzug etwas nach rechts (eher ungewöhnlich).
Figure 3
Abbildung 3
Teile des Abzugsgehäuses 33 hinter Drehmuffe 20 (Pfeil links); die oberste Stelle des mittleren Hebels 23 (Pfeil rechts), die vom Hebel 11 gehalten wird, ist nur 2 mm x 2 mm groß.
Figure 4
Abbildung 4
Der ungewöhnlich lange Hebel 11, am Foto oberster Teil, übernimmt die Bewegung und gibt sie weiter; auch das Abzugsgewicht ist an ihm einzustellen, links im Bild.
Figure 5
Abbildung 5
Die Fixatorfeder 32 (Pfeil) in der 4-mm-Bohrung der Verschlussachse 72.

Das zweite Geheimnis

Auch dieses ist im Abzugsgehäuse 33 verborgen. Hebel 11 wird von der Drehmuffe 20 gehoben, Stecherschlagstück 43 gibt den Schlag mit schon viel stärkerer Federkraft weiter. Wenn 43 längere Form hätte, könnte es direkt bei 11 einrasten, die Bewegung empfangen und weitergeben, ohne mittleren Hebel 23 und kleinen Hebel 21. Das würde aber einen größeren Berührungspunkt (Rast) von 11 und 43 erfordern, daher stärkere Bewegung und mehr Erschütterung zur Folge haben. Über 23 und 21 wird das Drehmoment und damit die Federkraft über 3 Stufen statt über nur 1 Stufe erhöht, jedes Mal um ein geringes Maß.
Die Vermutung, dass diese 2 zusätzlichen Zwischenteile den Abzugsvorgang verzögern und erweichen könnten, ist grundlos. Da alle Teile schon vor dem Schuß Kontakt zueinander aufweisen und unter Federdruck stehen, erfolgt jede Bewegung sofort, ohne Verzögerung. Die Auslösezeit der TOZ, von der Bewegung der Abzugszunge bis zur Zündung der Patrone, liegt im gleichen Bereich wie bei anderen Freien, unter 5 Millisekunden.
Den Beweis, dass der bis jetzt geschilderte, die Federkraft auf das für die Auslösung der Schlagbolzenfeder notwendige Niveau hebende Abzugsvorgang trotzdem eine viel geringere Erschütterung weitergibt, bringt ein einfacher Vergleich. Abzugsgehäuse 33 und Verschluss 74 werden abmontiert (Durchstoßen der Achsen 29 und 72), die Federn gespannt (Stechen mit Spannhebel 45; Spannen der Schlagfeder 71 durch Zurückziehen des Schlagbolzens 73 mit einem Schraubenzieher) und einzeln in der Hand haltend ausgelöst (Abzug wie gewohnt abziehen; Abzugstangenhebel 76 drücken). Der Verschluss gibt einen deutlich stärkeren Schlag, eine spürbare Erschütterung, an die Hand weiter.

Figure 6
Abbildung 6
Der seitlich drehbare Abzug.
Figure 7
Abbildung 7
Die Grundlage für die fehlerlose Schussauslösung; Bild ohne Federn, Teile symbolisch gezeichnet.

Weiteres

Informationen über die unglaublich feine, exakte, sicher enorme Geduld fordernde Fertigung der TOZ bietet der Blick auf besonders winzige Teile. Mehrere sind an einzelnen Stellen nur 1 mm dick, auf Achsen mit 1 mm Durchmesser gelagert, mit Schrauben M 2 in Verbindung. Beispiele dafür sind die Achse 17 (1 mm Durchmesser und 6 mm Länge, bei Drehmuffe 20) und ein Bestandteil der Verschlussachse 72. Um zu verhindern, dass 72 bei den Schüssen oder bei zu schwungvollem Laden und Entladen langsam seitlich aus dem Verschlussgehäuse 6 rutscht, enthält die Achse an beiden Enden je eine Rinne. Es ist egal, wie und an welcher Seite, links oder rechts, man sie ins Gehäuse 6 steckt; eine der Rinnen wird an der linken Seite gelagert und dort sieht die Bohrung im Gehäuse 6 anders als die an der rechten Seite aus. Sie besteht aus der Muffe 31 und ist durch die fast nur mit einer Lupe zu entdeckende, maximal 2 mm x 2 mm große, federnde «Fixatorfeder» 32 unterbrochen, die in die Rinne der Verschlussachse 72 eintritt. Zur Entfernung und wieder Montage des Verschlusses - bei normalem Gebrauch und Lauf putzen ohnehin nicht notwendig - muss man 72 mit etwas mehr Kraft als erwartet durchdrücken.
Nach der Suche mit der Lupe ein Blick auf etwas anderes, 2 Schrauben. Zum Hinweis in der Gebrauchsanweisung, dass das Abzugsgewicht mit der Schraube 36 - am Vorderschaft, vor dem Abzugsbügel - eingestellt werden kann, ist hinzu zu fügen, dass das Drehen nach rechts das Abzugsgewicht erhöht. Auch bei Schraube 37 (direkt hinter der Abzugszunge), mit der man den «Abzugsleergang», die Genauigkeit am Auslösepunkt, einstellt, fehlt die Richtung: beim Drehen nach rechts wird der Abzug feiner, geringer, genauer - bis zum sprichwörtlichen Auslösen durch intensives Hinblasen.
Apropos Sprichwörter: Eine sprichwörtliche Garantie, die Sicherheit des Sieges bei Schießen mit der TOZ, gehört anscheinend der Vergangenheit an. Bei den Olympischen Spielen 1996 stieg sie in ungeahnte Höhen und gewann das Finale ihrer 4 Jahrzehnte währenden Ära: Gold, Silber, Bronze. Mit dem neuen Jahrhundert ist mit anderen Dimensionen zu rechnen: bei der Weltmeisterschaft 2002 half die TOZ zu Silber; Gold und Bronze wurden mit der CM 84 E (elektronischer Abzug) von Morini errungen; beim Weltcupfinale 2002 alle 3 Medaillen mit dieser.
Diese Jahresbilanz 2002 beweist einen deutlichen Sieg der Elektronik. Für die endgültige Verdrängung der Mechanik fehlt aber noch der wahre Höhepunkt: der Freipistolen-Weltrekord - die Serien 95-96-98-98-98-96 = 581 von Alexander Melentiev, USSR, 1980 in Moskau mit dem damaligen TOZ-Nachfolger MC-55 geschossen.

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